Pilotstudie zur Reduktion von Mathematik-Angst und mentalen Blockaden

Zum Konstrukt von Mathematikangst (MA)
Mathematik-Angst (math anxienty) wird in der Literatur verstanden als die individuelle, negativ-affektive Reaktion auf alltägliche oder berufliche Situationen, die mit Zahlen, Mathematik, mathematischen Berechnungen oder Problemlösungen zu tun haben. Definitionen von MA berichten übereinstimmend von typischen Erscheinungsformen wie Furcht, Verzweiflung, Peinlichkeit, Handlungsunfähigkeit bis hin zu feuchten Handflächen, nervösem Magen und Konzentrationsschwächen.
MA ist kein unikausal erklärbares Phänomen. Aber es gibt dahingehend Übereinstimmung in der Forschung, dass folgende Risikofaktoren zur ihrer Entstehung beitragen, die u. a. in der Lernbiografie der Betroffenen verankert sind: Einstellungen von Eltern und Lehrpersonen zur Mathematik, schwaches Selbstkonzept, unzureichende Strategien zum konstruktiven Umgang mit Frustration, Überbetonung von Drill und unverstandenem Auswendiglernen beim Mathematiklernen statt konzeptionellem Verstehen. Das Problem liege damit weniger im Fach als solchem, sondern an der Art und Weise, wie es präsentiert wird.
MA verringert die mathematische Leistungsfähigkeit einer Person im Rahmen von Test- oder Herausforderungssituationen (z. B. eigene Aktivitäten an der Tafel im Seminar, Klausuren etc.) – und zwar unabhängig von ihrer tatsächlichen mathematischen Leistungsfähigkeit.
Verstärkend können weiterhin verbreitete math myths wirken wie z. B.: Mathe ist nichts für Frauen. Entweder man kann Mathe oder nicht. Auch mein Vater/meine Mutter war nicht gut in Mathe. Ich bin gut in Deutsch, deshalb bin ich schlecht in Mathe. Wenn man Mathe nicht sofort versteht, sollte man es lassen.

Auswirkungen von MA
Beunruhigend ist die in der Forschung belegte Tatsache, dass MA ein wachsendes Problem gerade bei Grundschullehrkräften zu sein scheint. Das lässt Zweifel darüber aufkommen, wie effektiv sie in der Lage sein werden, Grundschulkinder in Mathematik zu unterrichten – insbesondere, wenn man die Anforderungen in den KMK-Bildungsstandards für das Fach Mathematik an der Grundschule berücksichtigt, die einen weitaus anspruchsvolleren Mathematikunterricht fordern als es der traditionelle (eher Rechenunterricht) war/ist.
Wenn eine Wurzel von MA der erlebte Unterricht ist, dann besteht die Gefahr einer ›Infektion‹ dahingehend, dass Personen mit MA in der Rolle einer Lehrerin/eines Lehrers ihre eigene MA in vielfältiger Weise (und oft unbewusst) auf die von ihnen unterrichtete Klientel übertragen: in Form negativer Haltungen zum Fach, in Gestalt eines wenig herausfordernden Unterrichts – also jenen Faktoren, die als Auslöser für MA anerkannt sind und als solche dann bei den unterrichteten Schülern wirksam werden können. Eine Mathematik-ängstliche Lehrperson wird also schwerlich die mathematischen Talente der von ihr unterrichteten Kinder fördern können und der Lerngruppe auch keine substanziellen mathematischen Problemstellungen anbieten.

Introvision als Methode der Verringerung von Mathematikangst
Die Methode der Introvision wurde im Bereich der Pädagogischen Psychologie im Rahmen eines langjährigen Forschungsprogramms „Mentale Selbstregulation und die Auflösung von Konflikten“ entwickelt (Wagner, 2007, Iwers-Stelljes, 2008). Sie zielt darauf ab, mentale Blockaden zu reduzieren und Angst aufzulösen. Diese Methode des mentalen und emotionalen Selbstmanagements wird im vorliegenden Projekt erstmalig für den Bereich der Mathematikangst weiterentwickelt, hochschuldidaktisch erprobt und in ihrer Wirksamkeit im Rahmen einer Pilotstudie getestet werden.
In Phase I der Introvision geht es darum, zunächst den Kern der jeweiligen Angst zu finden – d. h. den jeweiligen zugrunde liegenden (Kern-)Imperativ und die dazu gehörige (Kern-)Subkognition. In Phase II geht es dann darum, die im Langzeitgedächtnis gespeicherte Koppelung dieser Kernkognitionen mit erhöhtem Affekt (Erregung, Anspannung, Angst; vgl. Wagner, 2011) zu verringern und schließlich zu löschen. Auf Mathematikangst bezogen bedeutet dies, dass angstbesetzte Gedanken - z. B. an Mathematik, an Zahlen, an Formeln, an mögliches Versagen – von dieser Angst entkoppelt werden.
Beteiligte Wissenschaftler/innen:

  • PD Dr. Telse Iwers-Stelljes
  • Prof. Dr. Günter Krauthausen
  • Prof. Dr. Marianne Nolte
  • Prof. Dr. Angelika C. Wagner

Gefördert mit Mitteln des Hochschulsonderprogramms II